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Heute abend fängt das jüdische Passahfest an. Dies ist das Fest, das der Jude Jeschua ben Josef, der zum Jesus Christus wurde, mit seinen Jüngern feierte. Dies wurde im Christentum zum Abendmahl. In diesem Jahr laufen beide inzwischen sonst oft durch unterschiedliche Zeitrechnungen zeitlich und durch unterschiedliche Anlässe inhaltlich voneinander getrennte Feste wieder einmal parallel (Abend des 8. bis zum Abend des 16. April 2020).

Ich verstehe mich weiterhin als Jude, auch wenn ich von meiner Familie getrennt lebe. Die meisten Festlichkeiten im Judentum findet sowohl in der Familie als auch in der Gemeinde statt. So werden am Anfang des Festes ein oder zwei „Seder-Abende“ gefeiert. „Seder“ heißt im Hebräischen „Ordnung“. Der Abend verläuft nach einer bestimmten Ordnung ab und feiert einen Grundstein der jüdischen Erfahrung und des jüdischen Selbstverständnisses. Es feiert den Auszug aus der Versklavung in Ägypten. Wann dies genau war, ist umstritten. Die Diskussion geht von 1490 vor Chr. bis zum 1370 vor Chr. Obwohl im Judentum alles als geschichtlich angesehen wird, ist die Geschichte Teil eines Entstehungsmythos, der nicht zeitlich zu fixieren ist, aber grundlegend für das Selbstverständnis der Herkunft.

DSC 0187 KLMein eigenes Selbstverständnis als Jude wird einmal durch meine Kindheit und Jugendzeit in meiner jüdischen Familie und Gemeinde geprägt sowie durch alles, was ich im Judentum praktizierte, was man mich lehrte, was ich darüber las und über die geschichtliche Erfahrung des Judentums, besonders in der christlichen Welt, die fast mit dem sogenannten Holocaust, sprich mit dem Versuch Nazideutschlands die Juden gänzlich zu vernichten. Das Judentum ist als ein Verständnis als Volk, das auf eine bestimmte Weise seine Religion praktiziert. Es verbindet unzertrennbar Nation mit Religion. Das hat zu einer etwa 3000-jährige Geschichte von den Ursprüngen als Nomaden zu einem Verständnis als Volk, zu einer Gründung als Religion, dann als Nation an einem Ort, zu einer Spaltung des Landes und Verteilung über die Welt, zu einer Reihe von Verfolgungen bis hin zu der „Neu-Gründung“ Israels im Jahr 1948. Ich bin 1949 in England geboren worden. Bei all diesen Einflüssen und bei all den Unterschieden im Selbstverständis unter Juden selbst, bei ihren Versuchen, sich in die christliche bzw. islamische Welt zu integrieren und gleichzeitig getrennt und erkennbar, entsteht fast naturgemäß eine Reihe von Widersprüchen und Differenzen auch untereinander. Auch ist nicht jeder Jude religiös. Auch wenn ich heute von vielen Juden sicherlich nicht als religiös angesehen wäre und ich durch die Lebensentscheidungen, die ich getroffen habe, in keiner Gemeinde integriert bin, wirkt sowohl Religion als auch Nation weiterhin in mir und es wirken die Folgen des Versuches auch heute nach, das Judentum – Religion und Volk – vernichten zu wollen. Auch die moderne Geschichte Israels zeugt von diesen Widersprüchen und ungelösten Differenzen. Gerade die orthodoxen Juden lehnen die Existenz Israels ab, obwohl gerade sie fast am meisten davon profitieren.

Ich habe für mich versucht, meinen eigenen Weg durch diese Widersprüche zu finden, die alles beeinflussen: Ob Du heiratest, ob Du Kinder bekommst oder nicht, wie Du lebst, ob du Jude bleibst, ob es eine Wahl gibt, wie Du mit der Möglichkeit der Vernichtung umgehst (geschah nicht nur einmal in der jüdischen Geschichte, sondern ist unzertrennlicher Teil davon, besonders unter dem Christentum), ob Du Dich äußern darfst, ob es ratsam ist, Dich zum Judentum zu bekennen. Jeder Jude hat sich mit diesen Fragen mehr oder weniger befassen müssen, um für sich jeweils eine Lösung zu finden.

IMG 0771 KLIch habe schon von den „Narrensprüngen“ berichtet, mit denen ich versucht habe, mit dieser persönlichen Situation umzugehen, die ich mehr oder weniger mit Millionen anderer Juden teile. Meine Auseinandersetzung mit dem Judentum und mit dem Christentum betrifft aber nicht allein mich als Juden, sondern eine ähnliche Auseinandersetzung müsste eigentlich alle Christen betreffen, die sich für das Wohl ihres eigenen Selbstverständnisses nicht vom Umgang mit dem Judentums trennen können, ob sie es wollen oder nicht, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht. Und beide können nicht umhin, als sich mit dem Islam in ähnliche Weise auseinanderzusetzen.

Ich habe schon beschrieben, wie meine „Narrensprünge“ für mein Bestehen und für mein Humor entscheidend waren. Das Bestehen meines Humors war mit meinem eigenen Weiterbestehen als freier Mensch, der sich wertschätzt und einen würdigen Platz in dieser Welt einnimmt.

Ich bin darauf gekommen, wie wichtig es für den Humor ist, sich zu lösen, Spielraum und Freiraum zu finden. Da Humor sehr verschieden ist, wenn wir davon ausgehen, worüber Menschen lachen, wollte ich für mich herausfinden, ob es etwas gibt, was Humor eigentlich ausmacht, unabhängig davon, wo jemand her ist, unabhängig von den offensichtlichen und mannigfaltigen Differenzen unter den Menschen. Ich wollte herausfinden, was uns verbindet. Denn das ist mein Interesse und das, worin ich die größte Sicherheit unter unterschiedlichen Menschen vermute. Bei meiner Herkunft könnt Ihr das vielleicht nachvollziehen.

Ich sehe also im Humor den aktiven Wunsch danach, sich zu lösen, sich aus den Konflikten zu lösen, die uns innerlich und äußerlich so quälen – weil anscheinend unlösbar. Die Erfahrung des Lachens, des Miteinander-Lachens verbindet uns mit einer Form der „Hilflosigkeit“, die uns gut zu Gesicht steht, weil wir darin akzeptieren, dass wir nicht nur im Grunde nichts kontrollieren können, sondern dass wir gut beraten sind, unsere „Hilflosigkeit“ erst einmal zu akzeptieren, um was es auch immer geht. Erst daraus ergibt sich die beste Lösung, d.h. wie wir am besten handeln.

Wir sind dazu geneigt, die Dinge so zu sehen, wie wir sie immer sehen. Viele Konflikte entstehen aber gerade aus unserer unbeweglichen Sicht der Dinge. Wenn es uns aber nicht gelingt, eine andere Sicht der Dinge zu gewinnen, können wir nicht anders handeln, als wir immer handeln. Wenn wir aber genauso handeln wie immer, bleiben die Konflikte oder das Unvermögen bestehen. Wir müssten uns daraus lösen. Es müsste in uns etwas Anderes geben als die gelernte Prägung, die oft eine „Lösung“ oder wenigstens ein „Umgang“ war mit einem früheren Problem. Und zwar, es müsste diese Fähigkeit in uns geben, sich zu lösen. In diesem Fall wäre ein lösendes Lachen mit der Erkenntnis verbunden, dass die gelernte Prägung absolut unzulänglich sei, wenn nicht völlig entgegengesetzt von dem, was wir eigentlich brauchten. Wir müssten darüber lachen, dass wir uns trotzdem immer noch daran halten, obwohl diese Prägung nichts nützt. Wir müssten darüber sowohl lachen als auch darüber verzweifeln, dass wir immer noch an Lösungen festhalten, die sich in dieser Situation schon längst als unzureichend, gar widersinnig erwiesen haben.

Wir sind aber auch geneigt, uns darüber zu mokieren, dass man anders handeln könnte als sonst. Sonst wären wir nicht die, die wir sind. Wir handeln ja so, gerade weil wir so sind. Wenn wir anders handeln würden, wären wir irgendwie nicht richtig. Wir würden uns „verraten“. Also müssen wir so handeln, wir wir immer gehandelt haben. Sonst wären wir „blöd“. Wer anders spricht, ist „selbst blöd“, redet „Schwachsinn“.

Nase 5 KLWas hat das alles also mit dem Passahfest zu tun? Was hat all dies mit den Konflikten zu tun, die ich oben angesprochen habe. Was hat dies alles mit meinem Verständnis vom Judentum, von diesem Fest, ja von Humor zu tun? Ist das nicht alles sehr abgehoben?

Ich gehe gerne auf meine Ursprünge des Verstehens zurück, ob man dies unsere Entstehungsgeschichte oder unseren Entstehungsmythos nennt, um auf ein grundsätzliches Verstehen zu kommen, das mich auch heute handeln lässt. Mir ist es wichtig, aus einer Tradition zu lernen und in einer Tradition zu handeln, besonders wenn diese Tradition das Trennen aus der bekannten Prägung, sogar auf einem Bruch mit der Tradition besteht. Warum? Um einen Weg zu zeigen, den man immer als Mensch wieder finden muss, um das zu bleiben, was man ist und hofft zu bleiben: Ein Mensch.

Wie geht ein Clown mit der Corona-Krise um? Hier eine sehr wohlwollende Reaktion von Götz Gödecke, Geschäftsführer der Vianova-Akademie in Itzehoe (unten mein Arbeitsraum) auf meinen Newsletter und meine Antwort, wie ich Humor verstehe:

DSC03347 a David KLWir lesen auf Facebook, und ich zitiere ihn: „Diese Woche bekamen wir eine Email von David Gilmore, unserem Referenten (nächster Workshop "Humor ist mein Ernst" am 12. & 13. Mai 2020), die uns ziemlich beeindruckt hat" Götz Gödecke fragt: "Seht Ihr eine Krise? Wie geht ein Clown mit der Corona-Krise um?
 Wie ein Referent, der plötzlich keine Einnahmen mehr hat, weil alle Kurse abgesagt werden? Gibt es da noch was zu lachen? Ist da noch Platz für Humor? Oder sollte man den Humor lieber unter dem Bett verstauen und hoffen dass die Motten ihn nicht ganz  aufgefressen haben, wenn wir ihn nach der Krise wieder hervorholen wollen?.......“

Ich möchte hier etwas mir Wichtiges korrigieren, was das Verständnis von Humor betrifft: Viele Leute erkennen Humor daran, dass „wir was zu lachen haben“. Wenn sie „nichts zu lachen hätten“, hätten sie also keinen Humor. Das kann nicht sein. Das würde bedeuten, sich von einer wesentlichen Quelle ihrer Lebenskraft zu trennen. Humor ist die grundsätzliche menschliche Qualität, gelöst zu sein. Humor ist die Fähigkeit, diesen Grundzustand immer wieder hervorzuholen und zu erneuern. Einmotten auf eigenes Risiko.

Mehr zur Akademie und ihrem Angebot findet sich hier auf ihrer Webseite
Auf facebook ist die Akademie hier zu finden.

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Großer Seminarraum der Vianova Akademie, Itzehoe

Mittwoch, 01 April 2020 08:40

Newsletter April 2020: Seht Ihr eine Krise?

Was macht eine Krise aus, frage ich mich? Auf jeden Fall, wenn ich in eine akute Notlage komme, die mich existentiell bedroht und es ist kein Ausweg in Sicht. Wenn ich aber in eine Notlage komme und Lösungsmöglichkeiten sehe, verliert eine Krise seine „Krisen-Haftigkeit". Sie bleibt akut. Ich kann aber handeln.

DSC 0116 KLWas mich gerade betrifft, kann ich nicht arbeiten. Ein Hauptmerkmal meiner Arbeit ist der direkte Kontakt zu anderen Menschen und der Wunsch, sie zu sich und zueinander zu bringen; ist einen Ort zu schaffen, in dem sie gemeinsam sein können und darin ihre Gemeinsamkeiten sehen, ihre Lebensfreude zum Ausdruck bringen, gemeinsam lachen, gemeinsam spielen; ist einen Ort zu schaffen, in dem Spielraum entsteht.

Gerade das scheint erst einmal, gar nicht zu gehen oder nur sehr vermindert. Es kostet eine besondere Anstrengung, die Verbindung zu anderen aufrecht zu erhalten. Wenn ich mir trotzdem die Mühe mache, erlebe ich, dass wir zur Zeit eine ähnliche Erfahrung durchleben. Das verbindet und gibt Kraft.

Was tun viele Menschen in einer Krise? Sie verstecken sich. Sie beklagen sich. Sie klagen an. Sie leugnen. Sie streiten darüber, ob dies wirklich eine Krise ist bzw. wer eigentlich dafür verantwortlich ist, dass wir eine Krise haben, die keine ist. Sie beweisen, dass die Verantwortlichen sowieso falsch damit umgehen, falsche Zahlen nennen, jedenfalls nicht die, die sie vermuten. Und es gibt manche, die die Situation als Herausforderung annehmen und manche, die sich der Not-Wendigkeit stellen.

Ich merke, wie die Diskussionen und Petitionen bei mir eher eine Beklommenheit hervorrufen. Ich habe den Eindruck, dass es vielen schwer fällt, sich solidarisch zu verhalten, weil sie anscheinend denken: "Ich bin nicht krank. Mich trifft es also nicht. Opfer wird es immer geben. Das sind die anderen. Warum sollte ich ein Opfer bringen, indem ich auf mein Einkommen und auf Geselligkeit verzichte?" Oder: Ihr Misstrauen gegenüber dem „Staat“ kommt zum Vorschein. Sie wollen selbst über alles entscheiden, weil sie niemand als sich selbst sonst trauen und verlieren durch Anordnungen für eine Allgemeinheit ihren persönlichen Spielraum.

Gerade mir ist meine Lebensgrundlage plötzlich „verschwunden“. Ich wüsste aber nicht, wer mein Gegner sein sollte, wem ich die Verantwortung geben müsste. Ich suche nach Ressourcen und finde Wege. Das ist für mich nichts Neues. Ich bereite schon mal die Möglichkeit vor, einen Teil meiner Arbeit, durch Videokonferenz, durch Auftritte im Internet zu verwirklichen, neue Angebote zu schaffen. Das hatte ich schon lange vor. Und ... ich spreche mit der Bank.

Was also mache ich jetzt? Ich mache erst einmal „gar nichts“. Wir gehen einkaufen. Ich spiele Klavier, übe Oboe, schreibe an meinem Buch, mache mir Gedanken, beobachte das Leben, lasse mir Zeit - und wasche mir die Hände.

Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, wie ich Pause machen könnte. Jetzt habe ich tatsächlich mindestens einen arbeitsfreien Monat, um mich um meine Gesundheit und um die meiner Familie zu kümmern und auch sonst sinnvoll den Raum zu nutzen. Pause machen ist ein wesentlicher Aspekt des Freiraums und der Selbstfürsorge, die wir alle brauchen. Manchmal braucht "der Humor", der mir so wichtig ist, erst einmal eine Konfrontation mit einer unumgänglichen Wahrheit. Ent-Täuschung ist also ein wichtiger "Bestandteil" von dem, was ich unter Humor verstehe. Genießt also erst einmal die Pause....

Bei mir stand Humor immer im Mittelpunkt. Manche verbinden damit mehr das Lachen, manche das Spiel, manche den Witz. Manche sehen die körperlich-seelische Gesundheit als wichtiges "Ergebnis". Manche sehen die "Narrenfreiheit" als der eigentliche Wert. Das kann ich alles natürlich unterschreiben.

 

IMG 0771 KopieFür mich war Humor nicht allein ein "Rettungsanker im Alltag", sondern für mich war er lebensnotwendig, um mein Leben entscheidend zu wenden. Um mich konkret aus meinem engen Denken und aus den engen Räumen meiner familiären Verhältnisse zu lösen, war es entscheidend Freiraum für mich zu schaffen, nämlich: Mich von vielen eigenen Beschränkungen des Denkens, von meinen Ängsten, Vorbehalten und Trägheit zu lösen und einen "Narrensprung" nach dem anderen zu wagen. Humor ist zu einer Voraussetzung und zu einer Form des Handelns geworden.

Nur so kann ich andere Menschen unterstützen, die ähnlich für sich mehr Freiheit des Fühlens, Denkens und Handelns wollen. Durch die eigene Erfahrung, Vertrauen zum eigenen Ausdruck zu stärken, kenne ich viele der Hürden, die vielen Menschen im Wege stehen. Ich habe spielerische Wege für mich gefunden, sie zu überwinden. Sie decken sich durchaus mit anderen Methoden, sich zu lösen und Spielräume zu schaffen. Aber gerade die Improvisation aus dem Augenblick und die Fähigkeit, aus eigenem Material Spielmaterial als Clown zu entwickeln, ist meine Art, mich sowohl im Alltag zu behaupten, mich von Prägungen zu lösen und mein Lachen immer wieder zu finden. Freiraum hat immer für mich bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem ich mich sicher fühlen konnte.

Erst dadurch habe ich mich trauen können, mich überhaupt zu zeigen. Ich war nicht immer wohlwollend mir gegenüber. Bis ich langsam einsehen musste, dass ich das selber brauche. In einer menschlich warmen Atmosphäre ist es den meisten Menschen erst möglich, sich zu erlauben, offen und spielerisch zu sein – zu wagen, sich zu zeigen.

So stellt Humor für mich sowohl einen konkreten Lebensweg als auch einen Lebenskompass und eine Art Messlatte dar, wie wohl, gesund und handlungsfähig wir uns fühlen.

Montag, 23 März 2020 17:23

Im falschen Film?

Die Tage werden wir auf mannigfache Art geprüft, gerade was unser Sinn für das, was wir als wirklich empfinden...

BuerstegrossEine mail hat mich vor ein paar Tagen erreicht mit dem einzigen Satz: „hast Du ne Ahnung was da läuft?“ In einer weiteren mail steht: „Wow, wer hätte das gedacht! Ein Gefühl, wie im Film oder eher im falschen Film. Ein Gefühl so fremd … und auf einmal ist alles ganz anders.“  Wieder eine andere spricht: Ach du liebe Güte! Hier ist es kalt, aber wunderschön. Alle Straßen leer! Alle Radfahrer halten 1,5 Meter Abstand! Wir haben munteren E-Mail-Austausch, sogar die kleinen Querelen der letzten Wochen sind vergessen!“ Und dann als Antwort an die erste: „naja, irgendwie stehen wir alle vor Corona ziemlich dumm da....sollen nicht mehr arbeiten, sollen uns testen lassen, sollen Angst haben, sollen zuhause bleiben, sollen alles sinnvoll finden, sollen es hinnehmen, dass es ja sowieso kommt, sollen es aber auch wieder nicht hinnehmen, sondern keine Angst haben, sollen auf KEINEN FALL panik haben, aber wir sollen schon wissen, wie gefährlich es ist, aber auf keinen Fall Angst haben.... und wenn wir sagen, es ist doch ein milder Verlauf, wenn wir gesund sind, dann sind wir Leute, die GEFÄHRLICHE THESEN verbreiten...“

Was lösen diese Aussagen in mir aus?

Mich im falschen Film zu fühlen, ist nicht ungewöhnlich in meinem Leben. Dieses Gefühl habe ich immer mit mir herumgetragen. Dieses Gefühl führte mich dazu, nicht nur herauszufinden, wie ich „den richtigen Film“ finde, sondern ob es ein Leben gibt, jenseits eines Filmskripts. Ich wollte gar nicht im Film auftreten, schon gar nicht im Film anderer Leute. Und das tat ich trotzdem, obwohl ich es nicht wollte, musste ich feststellen. Das tun wir ja alle. Das müssen wir erst einmal tun. Wir lernen automatisch die Sprache, das Verhalten, die Orientierung und die Sichtweise der Menschen um uns. So wachsen wir in die Welt hinein.

Mich hatte es immer fasziniert, wie sehr wir von der Sichtweise um uns geprägt sind und vor allen Dingen, wie unterschiedlich und wie „wahr“ alle bestehenden Sichtweisen sind. Es wird oft als „gefährlich“ für die eine Sichtweise angesehen, wenn man eine andere kennen lernen will. Oft wird davon abgeraten, sich überhaupt dorthin zu begeben, dort wo diese Art zu sehen vorherrscht. Und doch tun es nicht wenige. Hier zeigt sich der altbekannte Widerspruch zwischen Sicherheit und Freiheit .

Der Film, der gerade einen Riss bekommt, ist also uns sehr vertraut. Wir sind so sehr damit aufgewachsen, dass wir nicht mehr sehen können, dass diese Normalität nur vorübergehend ist und nur eine Spielart der vielen Möglichkeiten menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Vorübergehend gibt es einen Riß in der bekannten Normalität .

Vielleicht ist dieser Riß eine Art Pforte zu einer anderen Realität. Wie immer, wenn die Dinge schief liegen.

Und apropos recht haben…. Ich habe gerade einen Beitrag des ARD aus Rom gelesen

Mir gefällt es, Menschen zuzuhören, von denen ich den Eindruck habe, sie haben nicht nur Ahnung, weil sie etwas studiert haben, sondern auch deshalb, weil sie vieles erlebt, durchlebt, überlebt, durchdacht und emotional bearbeitet haben. Von solchen Menschen meine ich, am meisten zu profitieren. Deshalb bin ich dem  Rundfunk-Beitrag des ARD-Korrespondenten Jörg Seisselberg vom 19.3. über die Ansichten des emeritierten Professors für Soziologie Franco Ferrarotti sehr dankbar. 

Ich finde, dabei ist folgende Aussage Ferrarottis wesentlich:

"Ich glaube, wenn die Krise vorbei ist, werden wir eine enorme Wiederkehr von Lebensfreude und Lust am Wiederaufbau erleben. Ähnlich wie am Ende des Krieges wird es in ganz Europa eine unglaubliche Explosion an Lebensfreude geben."


Interessant ist auch seine Beobachtung über das Verhalten seiner Landsleute

"Die Italiener sind unerträglich, wenn alles gut läuft. Aber im kollektiven Unglück, in geschichtlichen Krisen, bei Erdbeben, bei großen Schwierigkeiten, sind die Italiener wundervoll."


Hier den Originalbeitrag lesen

Vor einigen Jahren habe ich das Buch gelesen: „Der friedvolle Krieger“ von Dan Millman (Ansata Verlag, München 2000). Es gehört zu den Büchern, die mich mit beeinflusst bzw. beeindruckt haben, ohne dass ich gleich einer Dan-Millman-Gruppe beigetreten bin.

BrunnenhockerKlein1Da Dan Millman Olympischer Kunstturner war (bzw. wurde) war das Training, dass ihm von seinem Lehrer (von ihm „Socrates“ genannt) empfohlen wurde, ein hartes sportbasiertes Training. Dieses sollte nicht allein den Körper trainieren, sondern seine ganze Lebenseinstellung umkrempeln, um ihn von seinem ganzen „Gedankenmüll“ zu erleichtern. Zeitweise wurde er durch eine junge, unglaubliche (ich finde im Augenblick kein anderes Wort) Frau, genannt Joy, im Auftrag von Socrates ständig körperlich sportlich herausgefordert und seine auferlegte Abstinenz durch den ständigen Reiz ihrer erotischen Distanz auf den Prüfstand getestet. Auch ihre T-Shirts waren eine einzige Motivation. Einer deren Sprüche ist mir heute wieder eingefallen: „Glück ist ein voller Tank“.

Als ich über die Ereignisse der letzten Wochen und Tagen nachdachte und in den letzten Tagen die leeren Regale eines gewissen Haushaltsartikels selbst erlebte, dachte ich: Ob Glück in Wirklichkeit ein Lager voller Klopapier ist?

Ich bin wieder froh, an das Buch erinnert zu werden. Das hat mich damals wirklich sehr grundlegend orientiert, als ich noch über vieles sehr verwirrt war. Vor allen Dingen verband Dan Millman sein persönliches Glück und seine sportliche Leistung mit Humor und Heiterkeit und dies definitiv damit, sich von seinem Gedankenmüll zu lösen.

Schön, wieder einmal recht gehabt zu haben!

Mittwoch, 18 März 2020 12:35

Was bitte google soll das denn heißen?

Da kann man wohl nichts anders erwarten. Die Google-Übersetzung auf facebook hat es schon wieder geschafft! Meiner Frau ist es aufgefallen, weil sie beide Versionen zu lesen bekommt. Die Übersetzung ist dermaßen grottenschlecht, weil so daneben, dass ich den Wunsch verspüre, sie richtig zu stellen.


89950354 1210277685845467 387086117985320960 oFacebook stellt immer die Frage: Was machst Du jetzt? Ich habe diese Frage in meinem Beitrag lediglich wiederholt, bevor ich weiter darüber geschrieben habe (siehe vorigen blog-Beitrag).„Was mache ich jetzt?“ google: „What am I gonna do now?“. Abgesehen davon, dass ich Engländer bin und britisches Englisch spreche – man benutzt den Ausdruck „gonna“ gar nicht – habe ich nicht einmal sagen wollen: „Was werde ich jetzt tun? im Sinne von: „Wie werde ich jetzt mit der Situation umgehen?“ Ich wollte nur sagen: „Was mache ich jetzt!“ im Sinne von: „Was mache ich gerade?“ (die eigentliche facebook-Frage). Das ist ein großer Unterschied und bedeutet eher: „Wie verbringst Du gerade Deine Zeit?“ Es stimmt wohl, dass man diese Frage verstehen könnte, wie google sie versteht. Aufgrund der wunderbaren Kommentare, die ich bekommen habe, haben anscheinend viele meiner deutschen Leser dies durchaus so aufgefasst. Dennoch fehlt bei mir das Gefühl der Verzweiflung, die die Übersetzung suggeriert und ist nur eine mögliche Art, die Frage zu verstehen. Wie soll google das wissen? Schließlich ist es nur eine Maschine.


Und hier mein Kommentar auf Englisch dazu:


What can you expect! The google-translator has done it again! My wife noticed it because she gets both. It is so abysmally off that I feel I must put it into real English with the statements that I (and not google) wanted to make. For example: „Was mache ich jetzt?“ google: „What am I gonna do now?“ . Apart from the fact that I am English and speak British English which does not know „gonna“, I didn`t even say: „what am I going to do now?“ meaning „how am I going to deal with this situation?“ but simply: „What am I doing now?“ which is a lot different, more like: „how am I spending my time?“ It`s true that „Was mache ich jetzt?“ could be understood in the google-way – and it seems by the wonderful commentaries I have received that many of my German readers took it like that. Except that the desperation that the translation suggests is only one way of reading it in German and was not what I meant. How is google going to know? It`s only a machine after all.

And here it is in english: please compare this to the google version (if you`re interested):

What am I doing right now? After reading what both the federal and local government in my district of Freudenstadt/Black Forest have ordered, I realised that if I want to act responsibly, I need to cancel or put off my seminar programme for a month at least. So right now I`m not doing anything (I obviously mean work, I just realised). We`ve just been out shopping. I play the piano, practice my oboe, continue writing my book, just do some thinking and observe life around me. I`m taking time off – and washing my hands. I`ve been thinking for a long time now how I could possibly take time off. Now I actually have a month free of work to take care of my health, my family and to use the space I have in a sensible way. Taking a break is for me an essential part of being free and taking care of oneself that all of us need. And sometimes our humour which is so important to me personally requires us to confront unavoidable realities. Dis-illusion is an important pre-requisite of what I understand by being humourous. So enjoy the break...

Und hier der ursprüngliche Text:

Was mache ich jetzt? Nach den Verordnungen der Bundesregierung und der Gemeinde im Kreis Freudenstadt habe ich verstanden, dass verantwortungsbewusstes Handeln bedeutet, Veranstaltungen um mindestens einen Monat zu stornieren oder zu verschieben. So mache ich erst einmal gar nichts. Wir waren gerade einkaufen. Ich spiele Klavier, übe Oboe, schreibe an meinem Buch, mache mir Gedanken, beobachte das Leben, lasse mir Zeit - und wasche mir die Hände. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, wie ich Pause machen könnte. Jetzt habe ich tatsächlich einen arbeitsfreien Monat, um mich um meine Gesundheit und um die meiner Familie zu kümmern und auch sonst sinnvoll den Raum zu nutzen. Pause machen ist ein wesentlicher Aspekt des Freiraums und der Selbstfürsorge, die wir alle brauchen. Manchmal braucht "der Humor", der mir so wichtig ist, erst einmal eine Konfrontation mit einer unumgänglichen Wahrheit. Ent-Täuschung ist also ein wichtiger "Bestandteil" von dem, was ich unter Humor verstehe. Genießt also erst einmal die Pause....

Dienstag, 17 März 2020 17:14

Humor braucht doch den Freiraum

Nach den Verordnungen der Bundesregierung und der Gemeinde im Kreis Freudenstadt habe ich verstanden, dass verantwortungsbewusstes Handeln bedeutet, Veranstaltungen um mindestens einen Monat zu stornieren oder zu verschieben. Ein Teilnehmer hat mir gerade seine Unterstützung bekundet, aber auch seine Enttäuschung, weil er sich auf den geplanten Abschnitt der Jahresgruppe so sehr gefreut hatte.

90504577 143619563849088 3522704825827459072 oJetzt fällt das Wochenende erst einmal aus. Der Teilnehmer meint, dass ihm da der Humor fehlt, weil er Witze und Sich-lustig-machen doch nicht passend oder möglich findet. Ich habe ihm geschrieben, dass ich mich seit der Entscheidung sehr gelöst fühle. Dies ist eher ein Zeichen für den Humor aus meiner Sicht und nicht so sehr, ob ich Witze darüber machen kann. Keine klare Entscheidung getroffen zu haben, schaffte mir eher ungelöste Spannungen. Da fühlte ich mich unfrei. Jetzt habe ich den Freiraum, mich um meine Gesundheit und um die meiner Familie zu kümmern und auch sonst sinnvoll den Raum zu nutzen. Pause machen ist ein wesentlicher Aspekt des Freiraums und der Selbstfürsorge, die wir alle brauchen. Manchmal braucht "der Humor" erst einmal eine Konfrontation mit einer unumgänglichen Wahrheit. Ent-Täuschung ist also ein wichtiger "Bestandteil" von dem, was ich unter Humor verstehe. Zusätzlich genießt unsere Umwelt eine erholsame Pause von uns. Das tut ihm bestimmt gut und dient eventuell dazu, dass wir Menschen einsehen, dass unsere Aktivität doch auf die Erde und die Atmosphäre auswirkt.... Manche behaupten immer noch das Gegenteil!

Dienstag, 10 März 2020 20:49

So hab`i mei` Lebe`it vorgstellt!

Seit 1983 begleite ich viele Menschen, die in unterschiedlicher Weise den Clown und den Narren als entscheidende Anregung und praktische Hilfe zu neuen Lebenswegen genutzt haben.

37407502 2190278781043575 3695478183185874944 oGerne denke ich dabei an eine Teilnehmerin, die im Laufe der letzten 10 Jahren viele "Narrensprünge" getan hat. Einmal ging sie bei einer Übung auf die Bühne, nahm sich einen Schemel, setzte sich darauf und wusste nichts anderes zu tun, als auf dem Schemel zu sitzen und zu warten. Sie trug eine alte Hose mit Hosenträgern, ein kariertes Hemd und hielt eine Handtasche vor sich, als ob sie sich an ihr festhielte. Sie atmete ab und zu schwer durch. Nach einer ganzen Weile fragte ich sie als Regisseur, wie es ihr ging. Da sagte sie auf schwäbisch: "So hab`i mei` Lebe`it vorgstellt!" Alle Teilnehmer mussten lachen. Das war zunächst nicht komisch gemeint. Oft ist es so, dass das Komische erst von außen für andere sichtbar ist. Das Tragikomische ihrer Lage, die sich in dieser Szene spontan zeigte, diente als Ansporn, sich als Clownin weiter auszuprobieren. Ganz überracht war sie, als sie entdeckte, wie viel Lebensfreude und Lust auf Unsinn sie hatte. Einige Jahre später marschierte sie mit großem Elan in der Aufmachung von damals mit dem Zusatz einer roten Pudelmütze auf der Bühne hin und her, stellte sich dann hin und verkündete (erst auf die Beine, dann auf die Brust und dann auf den Kopf zeigend) mit großer Lebenslust und aus vollem Herzen:

"Do isch nix! Do isch nix! Un do is no nie ebbes gewäh!"

Auch hier erlebte sie große, lachende Zustimmung.

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