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Rezension von Michael Titze.

 

Zum Buch von David Gilmore: Der Clown in uns. Humor und die Kraft des Lachens. Kösel, München, 2007. 174 Seiten. EUR 14.95

 

David Gilmore, der deutsch-englische Theaterpädagoge und Clowntherapeut, hat sich seit vielen Jahren im sozialen, pädagogischen und therapeutischen Bereich engagiert. Zentrum seines Wirkens ist eine psychosomatische Klinik in Freudenstadt. Die dort gewonnen Erkenntnisse gibt Gilmore in Seminaren, Kongressvorträgen und Weiterbildungskursen weiter. Die Essenz dieses Schaffens findet sich in diesem Buch, das auf einer bemerkenswerten Verschmelzung von lebensphilosophischen, psychotherapeutischen und theaterpädagogischen Elementen aufbaut. Auf dieser Grundlage entwickelt Gilmore sein Humor-Programm, das insgesamt auf das Wecken der im Menschen schlummernden Lebenskraft abzielt.

 

Gilmore schreibt: »Ziel meiner Auftritte, Trainings und Beratungen ist es nicht allein, Menschen zum Lachen zu bringen, sondern ihnen zu einer humorvollen Haltung und zu mehr Lebendigkeit im Leben zu verhelfen. Unsere Lebendigkeit ist die Quelle aller Kreativität. Wir lachen im Grunde, weil wir leben und die Welt lebendig erfahren. Dies dauerhaft zu erleben, ist ein lebenswertes Ziel.« (S. 129) Die Figur des Clowns und des Narren erfüllen dabei eine wegweisende Funktion: »Der Narr ist mehr an der Wahrheit interessiert. Der Clown dagegen ist ein Spaßmacher und lebt vom Augenblick, vom Spiel und vom Lachen.« (S. 159)

 

Gilmore beschreibt »zwei Welten«, die dem Menschen vorgegeben sind. Die eine davon ist die Welt der »Null«. Sie umschließt »den freien inneren Raum, unsere Lebendigkeit und die Lebensenergie« (S. 9). In dieser ursprünglichen, weil schon dem Kind vorgegeben Welt können sich Lebenslust und Lebensfreude entbinden. Hier hat der Moment und das planlose Spiel Vorrang, hier ist »alles möglich ist« (S. 25). Somit stellt die Welt der Null auch den Bezugsrahmen für Humor bereit.

 

Gilmore definiert Humor als den »direkten Ausdruck unserer Lebendigkeit, als den Versuch, unsere innere Freiheit jenseits unserer besonderen Prägungen immer wieder herzustellen, besonders dann, wenn unser natürliches Lachen verloren geht.« (S. 9) In seiner in diesem Buch beschriebenen Clownsarbeit verbindet Gilmore »die humorvolle Haltung der Null mit der Fähigkeit, die eigenen blinden Flecke zu erkennen und sie zu umarmen, ihren jeweiligen Nutzen zu erkennen und wertzuschätzen.« (S. 144)

 

Die andere Welt, die gerade dem erwachsenen Menschen vorgegeben ist, wird durch die lebenslangen Lernerfahrungen, die alltäglichen Grenzen, (Be-)Wertungen und normativen Denk- und Wahrnehmungsfilter, die unser Rollenverhalten bestimmen, geprägt. Es ist dies eine »ernsthafte Welt« (S. 22), die die Entfaltung der ursprünglichen Lebensenergie zuweilen so stark einschränkt, dass wir den »freien Raum in uns nicht mehr spüren.« Denn »wenn ich meine Gefühle kontrolliere, reduziere ich mein Gefühl, meine Lebensenergie« (S. 37). Dies kann dazu führen, dass sich (im Sinne eines Wiederholungszwangs) »Programme und Filter« (S. 118) bzw. »Teufelskreise« (S. 124) herausbilden, die zum Beispiel folgendes zum Ausdruck bringen: »Was werden die Leute denken?« - »Das ist doch verboten!« - »Ich schäme mich!« - »Etwas an mir oder etwas mit mir stimmt nicht!«.

 

Gilmore führt Menschen an, die in der ernsthaften Welt der Prägung verfangen waren und die in seine Seminare kamen, weil sie »die Null bewusst erkennen und stärken« (S. 33) wollten. Um dies zu realisieren, mussten sie den »Narrensprung« üben, der in den »Clownsraum als einer unmittelbaren Spielwelt« (S. 30) führt. Ein unerlässliches Hilfsmittel dafür ist die rote Clownsnase, die klipp und klar anzeigt, dass »ich in der Welt des Clowns, des Spiels und der Neugierde, in der Welt des Jetzt« (S. 29) bin. Denn die »Magie des Lebens geschieht im Augenblick - das hat jeder als Kind schon erlebt« (S. 158). Unter dieser Voraussetzung können die Protagonisten daran gehen, »Stück für Stück die Seiten, die sie an sich selbst nicht mögen, zu spielen oder zu inszenieren« (S. 45).

 

Denn diejenigen, die sich der Welt der Null entfremdet haben, zeigen dies in ihrer Körperhaltung, in ihrer Stimme, in ihrem Atem und in ihren Beziehungen zu anderen Menschen unverkennbar (S. 19). Das ist die »Maske, mit der wir in der Öffentlichkeit auftreten« (S. 51). Diese Maske soll das verbergen, wofür sich der Mensch in der Welt der Prägung schämt, weil er es für einen Ausdruck von »Schwäche« hält (S. 71). Doch es genügt nicht, die Maske einfach abzulegen und die scheinbaren Schwächen bloßzustellen: Darüber hinaus sollen dies Schwächen karikiert, also übertrieben werden und Niederlagen sollen gefeiert werden (S. 82)! Denn »entscheidend für eine humorvolle Haltung ist die Erkenntnis, dass unser Verhalten oft zum Lachen ist« (S. 131).

 

Deshalb werden im Clownspiel all die vielen Schwächen, deren man sich insgeheim schämt, in jeder Hinsicht »aufgeblasen« (S. 132). So wachsen die Protagonisten in die Haltung des Clowns hinein, der »die eigenen Katastrophen selbst zu suchen scheint, damit er scheitern kann« (S. 75), denn »eine Clownsnummer lebt eben vom Scheitern des Clowns« (S. 134). Diese »Lust am Scheitern", die sich darin äußert, dass »man seine eigenen Schwächen, Misserfolge und sein Scheitern zur Schau stellt« (S. 86), ist das A und O des Clownspiels. Gleichzeitig wird dadurch der verschüttete Zugang zur Welt der Null frei gemacht - was Voraussetzung für die Entstehung von Humor ist. Denn ohne dieses Spiel gäbe es keinen Humor (S. 82): »Ein Mensch, der nicht mehr spielt, ist kein Mensch mehr. Der Mensch braucht also Spielraum. Das erhält ihn und seinen Humor am Leben.« (S. 169).

 

Der »Clown in uns« ist es, der die Fähigkeit besitzt, ein durch ernsthafte Prägungen erstarrtes Leben in ein lebendiges Spiel zu verwandeln: »Wenn ich Lebensspiele und mein Verhalten spiele und 'aufblase', erlebe ich mich in diesem Augenblick als Null, denn Spielen und 'Aufblasen' sind 'Nullfähigkeiten' und machen Humor überhaupt erst möglich.« (S. 125)

 

Fazit: Dies ist ein kluges, lehrreiches und lebendiges Buch, das einen hervorragenden Einstieg in die Voraussetzungen des therapeutischen Humors erlaubt. Philosophische Grundlagen gehen unmittelbar in psychologische Implikationen und konkrete Beispiele über, so dass sich Theorie und Praxis zwanglos, wie »aus einem Guss« ergänzen.