Eine ganze Menge Narren und Clowns

Hier präsentiert David Gilmore einige seiner Schüler und Schülerinnen in Form von kleinen Geschichten, die zeigen, wie die entwickelte Clownfigur aus dem persönlichen Material entwickelt wurde und als Lebenshilfe für den Menschen diente.

Alle Geschichten sind schon mit dem ausdrücklichen Einverständnis der hier Beschriebenen im Newsletter veröffentlicht worden.

 

Vom disziplingetriebenen zum triebgesteuerten Waschlappen

Der Weg zur Clownfigur kann ein Weg durch die vielen Aspekte der eigenen Persönlichkeit werden.

Und die ist oft voller Widersprüche, die einen selbst (und vielleicht andere) zur Verzweiflung treiben können. Deshalb sucht man die Komik und das Spiel.

Ich muss an einen Mann denken, der inzwischen viele sehr gute Entscheidungen getroffen hat und sein Leben gerade durch das Clownspiel erweitert und herausgefordert hat.

Als ich ihn kennen lernte, war er erfolgreich, unabhängig und total unzufrieden mit sich. Ein wichtiger Gegensatz stellte sich im Spiel heraus: Einerseits war er diszipliniert und unerbittlich hart zu sich selbst und baute seinen erwählten Beruf als reisenden Verkäufer mit viel Einsatz und Herzblut aus, andererseits war er ein Waschlappen. Er war so nett und verständnisvoll, dass er in Beziehungen und in Freundschaften einfach nicht "nein" sagen konnte. Im ursprünglichen Beruf war er Sozialarbeiter.

Mit Armeehelm und gestählter Haltung, marschierte er und schrie: "Disziplin!" als ob er die ganze Welt zur Ordnung rufen wollte, die in seinen Augen ein Bild des Chaos abgab. Er selbst sollte als leuchtendes Beispiel dienen. Er sah dabei fast wie Mussolini aus. Er wusste allerdings nicht, abgesehen von Disziplin, was er wollte.

Und das zeigte sich in einem anderen Spiel, bei dem eine Frau ihn richtig wie ein Waschlappen aufgriff. Er ließ es über sich ergehen. Die Frau hatte ihn - im wahrsten Sinne des Wortes - in der Hand. Und in dieser Tradition konnte er aussehen, als ob ihm die meisten Gehirnzellen abhanden gekommen wären, verlor jeden Halt, körperlich wie moralisch. Er konnte vor Scham rot werden oder mit obszönen Andeutungen anderen die Röte ins Gesicht treiben. Dabei war und ist er im höchsten Masse ein moralischer Mensch.

Der Wechsel zwischen den beiden Extremen war verblüffend und komisch zugleich. Er war selbst verblüfft und musste immer wieder über sich lachen. Eine Triebfeder in seiner Entwicklung war entdeckt.

 

So hab`i mei` Lebe`it vorgstellt!

Seit 1983 begleite ich viele Menschen, die in unterschiedlicher Weise den Clown und den Narren als entscheidende Anregung und praktische Hilfe zu neuen Lebenswegen genutzt haben.

Gerne denke ich dabei an eine Teilnehmerin, die im Laufe der letzten 10 Jahre viele "Narrensprünge" getan hat. Einmal ging sie bei einer Übung auf die Bühne, nahm sich einen Schemel, setzte sich darauf und wusste nichts anderes zu tun, als auf dem Schemel zu sitzen und zu warten.

Sie trug eine alte Hose mit Hosenträgern, ein kariertes Hemd und hielt eine Handtasche vor sich, als ob sie sich an ihr festhielte. Sie atmete ab und zu schwer durch. Nach einer ganzen Weile fragte ich sie als Regisseur, wie es ihr ging. Da sagte sie auf schwäbisch: "So hab`i mei` Lebe`it vorgstellt!" Alle Teilnehmer mussten lachen.

Das war zunächst nicht komisch gemeint. Oft ist es so, dass das Komische erst von außen für andere sichtbar ist. Das Tragikomische ihrer Lage, die sich in dieser Szene spontan zeigte, diente als Ansporn, sich als Clownin weiter auszuprobieren. Ganz überracht war sie, als sie entdeckte, wie viel Lebensfreude und Lust auf Unsinn sie hatte. Einige Jahre später marschierte sie mit großem Elan in der Aufmachung von damals mit dem Zusatz einer roten Pudelmütze auf der Bühne hin und her, stellte sich dann hin und verkündete (erst auf die Beine, dann auf die Brust und dann auf den Kopf zeigend) mit großer Lebenslust und aus vollem Herzen:

 "Do isch nix! Do isch nix! Un do is no nie ebbes gewäh!"

Auch hier erlebte sie große, lachende Zustimmung.